Farbwechsel-Lampe als Tinnitus-Therapie? Briten erforschen neue Behandlung

8. Feb 2017

Dass man Ohrgeräusche mit buntem Licht behandeln kann, klingt auf den ersten Blick absurd. Forscher der Universität von Leicester in England haben aber Hinweise auf eine heilsame Wirkung gefunden und nun mit einer größeren Studie begonnen. 

Der neue Behandlungsansatz basiert auf der Annahme, dass farbige Lichtstrahlen die Sinnesverarbeitung im Gehirn „ablenken“ und so die Tinnitus-bezogene Aktivität im zentralen Hörsystem mindern. Man könnte sagen: Das Licht lenkt das Gehirn vom Tinnitus ab.

Wie die britische Zeitung Daily Mail berichtet, brachte die „Licht-Behandlung“ an der Universität von Leicester in einer ersten, sehr kleinen Pilotstudie bei 40 Prozent der Teilnehmer eine Besserung. Demnach berichteten diese Teilnehmer, dass ihre Beschwerden im Schnitt um die Hälfte zurückgingen, wenn sie längere Zeit auf das farbige Licht einer speziellen Lampe schauten.

Nun haben die Wissenschaftler mit einer weiteren Studie begonnen, um die neue Behandlungsidee erstmals mit einer größeren Zahl von Tinnitus-Betroffenen zu testen.

Licht gegen Ohrgeräusche?

Die Forscher entdeckten das Wirkprinzip eher zufällig, als sie die Wirkung des bunten Lichts auf Migräne-Patienten untersuchten. Dabei stellte sich heraus, dass diejenigen Probanden, die zugleich auch ein Ohrgeräusch hatten, zum Teil von einer merklichen Minderung der Tinnitus-Belastung berichteten.

Professor Jaydip Ray, ein Spezialist für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde an der Uni-Klinik in Sheffield, hält das Wirkprinzip für plausibel: „Diese Studie basiert auf der Tatsache, dass ein Tinnitus durch ’sensorische Substitution‘ [das Herbeiführen einer „Ersatz-Sinneswahrnehmung“, Anm. des Verf.] modelliert werden kann, zum Beispiel durch ablenkendes Licht, andere Klänge oder Bewegungen der Zunge“, sagte Ray der Daily Mail.

Die in Leicester eingesetzte Speziallampe besteht aus vielen kleinen LED-Lämpchen, die rotes, blaues oder grünes Licht erzeugen können. Mit drei Rädchen lässt sich der Anteil jeder Farbe regeln. Die so erzeugte Mischfarbe wird auf eine DIN-A4-große Scheibe projiziert, auf die die Teilnehmer schauen.  

In der neuen Studie sollen sich nun insgesamt 34 Teilnehmer selbst verschiedene Lichtfarben mischen und dann für jeweils zehn Minuten betrachten. Diejenige Farbe, die sie jeweils (ganz subjektiv) als am meisten Tinnitus-lindernd erachten, sollen die Teilnehmer dann über einen Zeitraum von sechs Wochen noch weitere vier Mal für jeweils 20 Minuten anschauen. Immer vor und nach jeder Sitzung werden sie zu ihren Symptomen befragt, etwa zum Grad des Gestörtseins durch den Tinnitus.

Fazit und Einordnung

Dieser interessante Behandlungsansatz ist neurophysiologisch fundiert und könnte ähnlich wirken wie eine gezielte Ablenkung mit Musik oder angenehmen Klängen. Auch zur Klangtherapie im Rahmen des Tinnitus-Retrainings bestehen damit gewisse Schnittmengen.

Die Aussagekraft der „Pilotstudie“ mit kaum mehr als einer Handvoll Teilnehmern tendiert freilich gegen Null. Fraglich ist vor allem auch, ob die positive Wirkung der „Lichtbehandlung“ von Dauer ist. Denn die Forscher haben die Teilnehmer bislang immer nur unmittelbar nach einer Sitzung über ihre Symptome befragt.

Im Kern unterstreicht die Forschungsarbeit in Leicester, was Tinnitus-Therapeuten schon seit Langem wissen. Eine gezielte Ablenkung vom Ohrgeräusch, durch welche Beschäftigung oder „Sinneserfahrung“ auch immer, zählt zu den mit Abstand wirkungsvollsten Heilungsstrategien.

Mit der Tinnitus-Retraining-Therapie steht darüber hinaus längst eine erprobte Behandlung zur Verfügung, mit der ein Ohrgeräusch systematisch aus dem Bewusstsein verdrängt (und in vielen Fällen auch zum Abklingen gebracht) werden kann. Die Erfolgsaussichten liegen hier bei 80 bis 90 Prozent.

 


QUELLEN:

Roger Dobson: Can coloured lights really stop that ringing in your ears? In: Daily Mail, 6.2.2017

FOTOS: Titel © Gabriel Santiago / Unsplash.com (CC0)

 

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