Ginkgo gegen Tinnitus? Der große Ratgeber zu Tebonin & Co

26. Aug 2016

Wollen Sie herausfinden, ob Ginkgo gegen Ihr Ohrgeräusch helfen könnte? Von einigen Herstellern wird dieses Naturheilmittel sehr offensiv beworben, doch größere wissenschaftliche Studien konnten bei Tinnitus keinen positiven Effekt feststellen. In unserem großen Gingko-Ratgeber erfahren ganz genau, warum das Extrakt des chinesischen Baums namens „Ginkgo biloba“ bei der Tinnitus-Behandlung zum Einsatz kommt – und was Sie bei einer Anwendung unbedingt beachten sollten.

Ginkgo bei Tinnitus? Tebonin & Co. als Medikamente gegen Ohrgeräusche

Der Ginkgo-Baum ist ein Bote aus der Urzeit. Er war der erste Baum überhaupt, vor 270 Millionen Jahren, als die ersten Dinosaurier über die Erde streiften und alle Landmassen noch im Superkontinent Pangäa vereint waren. Manche Gingko-Exemplare werden älter als ein Jahrtausend. Kein Wunder also, dass dieser Baum in seiner Heimat, dem heutigen China, schon immer Sinnbild für ein langes Leben war. 

Doch nicht nur die Traditionelle Chinesische Medizin, auch die moderne westliche Pflanzenmedizin setzt auf die Heilkraft von Ginkgo. Einzigartige Stoffe in den Blättern fördern offenbar den Hirnstoffwechsel, was die Konzentrationsfähigkeit steigern und Demenz vorbeugen soll. Doch ist es realistisch, bei einem Tinnitus Heilung oder Linderung von Ginkgo-Extrakten zu erwarten? Sie erfahren im Folgenden – unabhängig und geprüft – alles über:

  • NATURHEILKRAFT: Wie kann Ginkgo bei Tinnitus wirken?
  • ANWENDUNG: Dosierung, Kosten und Nebenwirkungen
  • WISSENSCHAFT: ALLE STUDIEN, für Sie ausgewertet
  • ERFAHRUNGEN: Was berichten Betroffene?
  • UNSER RAT: Was Sie wirklich beachten sollten

Wie kann Ginkgo bei Tinnitus wirken?

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) werden seit mehreren tausend Jahren vor allem Extrakte aus den Wurzeln und Samen des Ginkgo-Baums verwendet: in Form von Pulvern, Tinkturen und Säften, unter anderem zur Stärkung des Herzens, bei Husten und Asthma, Blasenentzündungen, Menstruationsbeschwerden und Verdauungsproblemen.

Verkaufsschlager Tebonin

Gingko bei Tinnitus: Tebonin & Co

Der Ginkgo-Baum

Eine andere „medizinische Karriere“ begann für den Ginkgo-Baum im Westen, als der auf Pflanzenmedizin spezialisierte Hersteller Dr. Willmar Schwabe 1965 das erste Ginkgo-Präparat unter dem Markennamen Tebonin auf den Markt brachte.

Tebonin enthält bis heute das sogenannte “Spezialextrakt EGb 761”, das aus den getrockneten Ginkgo-Blättern gewonnen wird. Beworben mit dem Versprechen, Menschen im Alter geistig fit zu halten, Gedächtnis, Konzentration und Lernvermögen zu steigern, wurde das Mittel schnell zu einem großen Verkaufsschlager. 

Andere große Pharma-Hersteller zogen mit ähnlichen Produkten nach. Als in den 80er Jahren dann die Annahme populär wurde, „Ohrensausen“ könnte durch durch Durchblutungsstörungen im Innenohr verursacht sein, eröffnete dies den Ginkgo-Arzneien einen neuen Markt. Mit großem Werbeaufwand wurden diese nun zur Tinnitus-Behandlung angepriesen.

Die Annahme einer Wirkung

Das lag auch auf der Hand. Denn die medizinische Wirkung der Ginkgo-Medikamente beruht schließlich darauf, dass spezielle Inhaltsstoffe (Ginkgolide und Bilobalide) die Durchblutung fördern, die Sauerstoff- und Blutzuckeraufnahme verbessern und die Regeneration von Nervenzellen unterstützen sollen. 

Eine positive Wirkung von Ginkgo wurde vor allem bei akuten, also „frischen“ Ohrgeräuschen vermutet, aufgrund der Annahme, dass die Extrakte die Durchblutung im Innenohr verbessern können. Eine verbesserte Sauerstoffversorgung und Regeneration der feinen Haarzellen in der Hörschnecke sollte die nervigen Geräusche abschwächen.

So weit, so gut. Das Problem ist nur: Dass Tinnitus regelmäßig durch Durchblutungsstörungen im Innenohr verursacht und daher durch durchblutungsfördernde Mittel behandelt werden kann, ist mittlerweile schon seit vielen Jahren eindeutig widerlegt. 

Die „Phantasie-Welt“ des Marketings

Diese Hypothese war zwar zwischenzeitlich populär. Sie war aber immer nur eine Hypothese, die nie wissenschaftlich untermauert werden konnte. Im Gegenteil: Die internationale Forschung ist sich seit Langem einig, dass Durchblutungsstörungen bei der Tinnitus-Entstehung praktisch keine Rolle spielen – und dass durchblutungssteigernde Mittel wirkungslos sind. 

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Kein erstzunehmender Wissenschaftler (und auch kein Arzt, der die Forschung der letzten 15 Jahre verfolgt hat) vertritt heute noch die Theorie von der Durchblutungsstörung. Bloß in der „Phantasie-Welt“ des Pharma-Marketings lebt diese alte These  einfach weiter:

„Tebonin fördert die Durchblutung des Innenohrs, verbessert die Verbindung von Nervenzellen und reduziert Ohrgeräusche“, heißt es im aktuellen TV-Werbespot für Tebonin.

Einsatz beim chronischen Tinnitus

Der Tebonin-Hersteller Schwabe verspricht sogar Hilfe bei „chronischen“, also seit mehr als drei Monaten bestehenden Ohrgeräuschen – mit dem Argument, Ginkgo verbessere „die Vernetzung von Nervenzellen und die Signalverarbeitung im Gehirn“. Damit wird die fundamentale neurowissenschaftliche Erkenntnis aufgegriffen, dass ein Tinnitus immer erst im zentralen Hörsysem des Gehirns entsteht und eben nicht in den Ohren, wie früher angenommen wurde

Mit Tebonin, so die Werbebotschaft weiter, könne die „die Anpassungsfähigkeit des Gehirns verbessert“ werden. Auf diese Weise unterstütze das Mittel erfolgreiche Therapien wie die Tinnitus-Retraining-Therapie, die auf ein „Verlernen“ des Tinnitus  abzielt. 

Die Tinnitus-Retraining-Therapie wird in der Tat weltweit erfolgreich eingesetzt. Dem Gehirn wird dabei beigebracht, den Tinnitus als etwas Unwichtiges anzusehen. Im Ergebnis stört der Tinnitus nicht mehr (oder kaum noch) und wird im Hörzentrum weitgehend ausgeblendet, also überhört.

Das Ginkgo dabei helfen könnte, ist allerdings wieder einmal eine äußerst gewagte, durch nichts belegte Theorie. Sehen wir uns einmal an, wie die Wissenschaft Ginkgo-Medikamente bewertet:

Das Urteil der Forschung: wissenschaftliche Studien

„Tebonin reduziert Ohrgeräusche“? Zwei oder drei nicht kontrollierte Studien mit ganz wenigen Teilnehmern schienen zunächst darauf hinzudeuten. Alle größeren, nach gängigen wissenschaftlichen Maßstäben vorgenommene Studien konnten die hochtrabenden Versprechungen aber nicht bestätigen.

Der Tenor Dutzender neuerer Studien ist: Selbst die Effekte von Ginkgo bei nachlassender geistiger Leistungsfähigkeit sind allenfalls minimal. Bei Tinnitus hat Ginkgo nach dem jetzigen Stand überhaupt keinen Effekt.

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Keine Wirkung bei Tinnitus

An der bis dato größten Studie (Drew and Davies, 2001) nahmen 978 Teilnehmer mit Tinnitus teil. Bei dieser nach höchsten wissenschaftlichen Standards angelegten Placebo-kontrollierten „Doppelblind“-Studie der University of Birmingham nahm die eine Hälfte der Probanden zwölf Wochen lang täglich 150 mg Ginkgo-Extrakt (LI 1370) ein, die andere Hälfte erhielt ein Placebo.

Das Ergebnis: Das Ginkgo-Extrakt brachte gegenüber dem Scheinmedikament keinen Vorteil, im Gegenteil: Die Placebo-Tabletten „wirkten“ sogar ein wenig besser als Ginkgo! Von denjenigen, die das Placebo bekamen, empfanden 35 ihr Ohrgeräusch nach zwölf Wochen als weniger belastend. Von denen, die Ginkgo einnahmen, waren es 34.

Eine weitere Placebo-kontrollierte Studie (Rejali et. al, 2004) mit Ginkgo-Extrakt (EGb 761) an einer britischen HNO-Klinik kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Das Urteil der Forscher, die zusätzlich noch eine Meta-Analyse von sechs weiteren Studien zur Tinnitus-Behandlung mit Ginkgo vorgenommen hatten: „Ginkgo bringt Tinnitus-Patienten keinen Nutzen.“

Zuletzt kam auch das renommierte Forscher-Netzwerk Cochrane nach einer umfassenden Auswertung (Hilton and Stuart, 2004/2009) aller vorhandenen Studien zu dem Urteil: „Die verfügbaren Daten ergeben nicht, dass Ginkgo-Biloba bei Tinnitus wirksam ist.“

Kaum Nutzen auch für Ältere

Bringt Ginkgo dann wenigstens etwas beim „klassischen“ Anwendungsgebiet, der Stärkung der geistigen Leistungsfähigkeit im Alter? Die Forschung lässt daran zweifeln.

In einer aufwändigen Langzeitstudie (Snitz, Beth et al, 2009) an sechs US-amerikanischen Uni-Kliniken nahmen mehr als 3000 Senioren im Alter zwischen 72 und 96 Jahren teil, die zu Beginn der Untersuchung geistig noch recht fit waren. Eine Hälfte erhielt sechs Jahre lang täglich die empfohlene Dosis von 240 mg Tebonin (EGb 761), die andere Hälfte zur Kontrolle ein Scheinmedikament.

Das vernichtende Ergebnis: In keinem einzigen Bereich hatte das Ginkgo-Extrakt irgendeinen positiven Einfluß auf den geistigen Alterungsprozess: weder bei der Gedächtnisleistung oder dem Konzentrationsvermögen noch bei der Sprachfähigkeit oder dem Reaktionsvermögen. 

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Eine große Meta-Studie des Forscher-Netzwerks Cochrane (Birks and Grimley Evans, 2007), bei der 36 klinische Studien ausgewertet wurden, fand ebenfalls „keine überzeugenden Hinweise“ für eine Wirksamkeit von Ginkgo bei nachlassender geistiger Leistungsfähigkeit. 

Ein Forscher-Team der Berliner Charité (Weinmann et. al, 2010) untersuchte neun große Studien mit Ginkgo-Extrakt (EGb 761) bei Patienten mit Alzheimer oder Demenz. Zwar wirke Ginkgo biloba scheinbar besser als Placebos, so das Urteil. „Aber der Grad der Wirksamkeit ist dürftig.“

Trickserei mit Empfehlungen

Pharma-Unternehmen wie Schwabe verweisen immer wieder gern auf die Empfehlungen für Ginkgo durch einschlägige Sachverständigen-Kommissionen wie die sogenannte Phytopharmaka-Kommision E, die das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bei der Zulassung von Pflanzenmedizin berät.

Die Kommission E sei allerdings für ihre „Empfänglichkeit gegenüber Einflussnahme“ bekannt, urteilt das unabhängige Fachinformationsblatt Arznei-Telegramm (1998, Nr. 12, 109-10). „Sie ließ seinerzeit die Stoffmonographie [die Beurteilung, Anm. d. Red.] für den Ginkgo-biloba-Blätterextrakt vom Tebonin-Hersteller Schwabe entwerfen.“

Erfahrungsberichte von Betroffenen

Warum aber stößt man im Netz immer wieder auf Berichte von einzelnen Tinnitus-Betroffenen, die positive Erfahrungen mit Ginkgo-biloba gemacht haben? Wenn Ginkgo – Studien hin, Studien her – zumindest einigen hilft, sollte man es damit vielleicht doch versuchen, oder?

Sind die Berichte authentisch?

Der Inhalt und Schreibstil vieler dieser Erfahrungsberichte lässt mich allerdings an deren Authentizität zweifeln. Leider gibt es in Deutschland Dutzende Social-Media-Agenturen, die seit einigen Jahren im Auftrag von Unternehmen gezielt positive Beiträge in sozialen Netzwerken, Internet-Foren und Blogs platzieren. Solche „Fake-Beiträge“ zu verfassen, ist in den Großstädten längst ein gut bezahlter Studentenjob. Zum Teil wird aber auch auf sehr günstiges Personal aus dem Ausland zurückgegriffen, das der deutschen Sprache nicht ganz mächtig ist. 

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Viele der vermeintlich privaten Erfahrungsberichte könnten also durchaus Teil solcher gezielter (und leider vollkommen legaler) Kampagnen sein, die sich jedes Unternehmen jederzeit recht günstig „kaufen“ kann. 

Das „Vanilleeis-Phänomen“

Trotzdem gibt es mit Sicherheit auch viele ganz reale Tinnitus-Betroffene, die glauben, Ginkgo hätte Ihnen geholfen. In den meisten Fällen dürfte aber ein Abklingen oder eine Linderung des Ohrgeräusches nicht durch die Einnahme von Ginkgo verursacht worden, sondern lediglich damit zeitlich „zusammengefallen“ sein.

Lassen Sie es mich an einem Beispiel illustrieren: Gleich morgen könnte ich eine Studie beginnen, in der 1000 Patienten mit einem akuten Tinnitus täglich drei Kugeln Vanilleeis verabreicht bekommen – morgens, mittags, abends. Nach drei Monaten könnte ich dann das spektakuläre Ergebnis verkünden: „Vanilleeis heilt Tinnitus!“

Denn: Ein beträchtlicher Teil der Probanden hätte mit Sicherheit den Tinnitus verloren. Und bei denen, die das Geräusch noch hören, wäre die Belastung in vielen Fällen deutlich zurückgegangen. Bloß: All das wäre auch mit Gummibärchen passiert!

Denn selbst ganz ohne Behandlung klingt ein Tinnitus innerhalb der ersten Monate meist wieder ab! Wer also ein Ohrgeräusch bekommt und dann dagegen etwas einnimmt, wird ein Abklingen des Geräuschs wohl auf das eingenommene Präparat zurückführen. 

Warum empfehlen Ärzte Ginkgo?

Dies ist möglicherweise auch der Grund, warum heute immer noch viele HNO-Ärzte ihren Patienten bei akutem Tinnitus Ginkgo empfehlen. So könnte zumindest ein beträchtlicher Teil der Patienten (all die, bei denen das Ohrgeräusch wieder verschwindet) den Eindruck bekommen, der Arzt hätte ihnen geholfen.

Auch der bekannte Placebo-Effekt könnte dabei eine Rolle spielen: Allein der Glaube, etwas einzunehmen, was möglicherweise hilft, führt mitunter zu einer Besserung! 

Anwendung und Dosierung von Ginkgo bei Tinnitus

Wer trotz allem sein Glück mit Ginkgo versuchen möchte, sollte die als Arzneimittel zugelassenen Ginkgo-Trockenblätterextrakte aus der Apotheke verwenden. Meist handelt es sich heute dabei um Filmtabletten. Vor allem diese drei Produkte sind gebräuchlich:

  • Tebonin 120 mg bei Ohrgeräuschen (Schwabe)
  • Ginkobil 120 mg (Ratiopharm)
  • Gingium intens 120 mg (Hexal)

Tebonin und Ginkobil sind praktisch identisch. Beide enthalten auf das Zehntel Mikrogramm genau die gleichen Mengen von Wirkstoffen (wie Ginkgolide und Bilobalide) und auch die gleichen Obergrenzen für die unerwünschten Stoffe aus den Ginkgo-Blättern.

Empfohlene Dosierung

Als Dosis bei Tinnitus werden von den Herstellern übereinstimmend ein bis zwei Filmtabletten (a 120 mg) täglich empfohlen.

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Dauer der Anwendung

Für Tebonin und Ginkobil wird laut Packungsbeilage bei Tinnitus eine Einahme „über einen Zeitraum von mindestens 12 Wochen“ empfohlen. Sollte nach sechs Monaten kein Erfolg eingetreten sein, „ist dieser auch bei längerer Einnahme nicht mehr zu erwarten“, heißt es in beiden Fällen wortgleich.

Nebenwirkungen

Bei den als Arzneimittel zugelassenen Ginkgo-Präparaten werden giftige Bestandteile der Blätter bei der Herstellung auf ein Minimum reduziert. Das Risiko von Nebenwirkungen ist dadurch sehr gering – anders als bei der unkontrollierten Anwendung von Ginkgo als Tee oder Nahrungsergänzungsmittel.

Die gefährlichste Nebenwirkung von Ginkgo-Extrakten wie Tebonin und Ginkobil ist laut Packungsbeilage ein erhöhtes Risiko innerer Blutungen, vor allem wenn gleichzeitig gerinnungshemmende Arzneimittel oder bestimmte Antirheumatika eingenommen werden. Aus diesem Grund sollen die Arzneien auch nicht von Schwangeren oder vor Operationen eingenommen werden.

Daneben kann es zu „leichten Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, Schwindel oder zur Verstärkung bereits bestehender Schwindelbeschwerden“ sowie zu allergischen Reaktionen kommen.

Was kostet die Behandlung?

Auf Rezept gibt es Ginkgo bei Tinnitus nicht. Weil sich durchblutungsfördernde Mittel generell in der Tinnitus-Therapie sowohl in der Erfahrung der Ärzte als auch in unzähligen klinischen Studien als völlig unwirksam erwiesen haben, übernehmen die Krankenkassen dafür schon seit Jahren keine Kosten mehr.

Eine Monatspackung „Tebonin 120 mg bei Ohrgeräuschen“ oder „Ginkobil ratiopharm 120 mg“ (je 60 Filmtabletten) kostet rund 40 Euro. Eine dreimonatige Einnahme von zwei Tabletten täglich würde also etwa 120 Euro kosten. Das ist ein Schnäppchen im Vergleich zu vielen anderen Therapieangeboten für Ohrgeräusche. Angesichts der Studienlage wäre diese Ausgabe jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit sinnlos.

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Ein guter Rat: Tun, was wirklich hilft

Das größte Problem mit der Einnahme von Ginkgo ist aber, dass Tinnitus-Betroffene damit immer wieder wertvolle Zeit verlieren. 

Gerade in den ersten Monaten nach dem Aufkommen des Ohrgeräusches ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Geräusch wieder verschwindet. Mit wenigen, größtenteils sehr einfachen Mitteln kann jeder Betroffene seine Chancen maximieren und mindestens dafür sorgen, dass aus einem seltsamen Geräusch kein Leiden wird:

  • Eine fundierte Aufklärung nach dem aktuellen Stand der Forschung erhalten. Das nimmt die Ängste vor dem oft bedrohlichen Ohrgeräusch. Indem der Tinnitus begreifbar und beherrschbar wird, sinkt automatisch auch die emotionale und körperliche Stressreaktion.
  • Stille meiden und sich möglichst durchgehend akustisch vom Ohrgeräusch ablenken, am besten mit entspannenden Naturklängen oder neutralem „weißen Rauschen“. Das beruhigt und entzieht dem Tinnitus die Aufmerksamkeit. Wenn sich eine größere Belastung durch den Tinnitus abzeichnet, sollte bereits in der Akutphase ein Tinnitus-Retraining eingeleitet werden, bei dem Klänge ganz gezielt zum „Verlernen“ des Tinnitus eingesetzt werden.
  • Sich auch anderweitig ablenken, zum Beispiel mit wohltuenden Aktivitäten, und sich auf keinen Fall auf das Ohrgeräusch „fixieren“. Erst eine andauernde Aufmerksamkeit für das Geräusch, endlose negative Gedankenspiralen und sozialer Rückzug münden regelmäßig in einen Teufelskreis, durch den ein Tinnitus-Leiden entsteht oder sich aufschaukelt.
  • Einen systematischen Stress-Abbau betreiben. Stress ist – auch nach Ansicht führender Neurowissenschaftler – in den meisten Fällen die wichtigste Ursache für Tinnitus, oft sogar die einzige! Denn Stress erhöht ganz erheblich die „Verstärkung“ im Hörsystem des Gehirns, wodurch Tinnitus-Signale überhaupt erst wahrgenommen werden. Ist der Tinnitus dann da, verhindert ein körperlicher und psychischer „Alarm-Zustand“, dass das Geräusch abklingen kann. Daher sollte man unbedingt Wer wichtige Quellen von belastendem Stress in seinem Leben abstellt und einfache Entspannungsübungen (Yoga, Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung) macht, wird damit sehr viel mehr erreichen als mit allen Ginkgo-Tabletten dieser Welt.
  • Im Falle schwerer psychischer Belastungen frühzeitig eine therapeutische Beratung oder Begleitung in Anspruch nehmen. Das ist oft äußerst heilsam.

All dies und noch vieles mehr ermöglicht übrigens ein hervorragendes Buch, das bald hier auf Earnoise.Care erhältlich ist. Hier gibt es einen Vorgeschmack.

Wichtig ist an dieser Stelle: Eine Heilung (im Sinne eines vom Tinnitus ungetrübten Lebens) ist im Grunde sehr einfach und für jede(n) Betroffene(n) möglich. Seine Hoffnung dabei auf Medikamente zu setzen, ist aber leider ein aussichtsloses Unterfangen.


QUELLEN:

Drew, Shelley / Davies, Ewart: Effectiveness of Ginkgo biloba in treating tinnitus: double blind, placebo controlled trial. In: British Medical Journal, 2001

Arznei-Telegramm: Tinnitus - Ginkgo-biloba-Extrakt (Kaveri, Tebonin u.a.) ohne Nutzen. 2/2001

Rejali, D et al.: Ginkgo biloba does not benefit patients with tinnitus: a randomized placebo-controlled double-blind trial and meta-analysis of randomized trials. In: Clinical Otolaryngology and Allied Sciences, 2004, 29(3)

Hilton, Malcolm / Stuart, Emma: Ginkgo biloba for tinnitus. In: The Cochrane Library, 2004 (aktualisiert 2009)

Snitz, Beth E. et al:  Ginkgo biloba for Preventing Cognitive Decline in Older Adults. A Randomized Trial. In: JAMA Journal of the American Medical Association, Vol. 302, 2009

Birks, Jacqueline / Grimley Evans, John: Ginkgo biloba for cognitive impairment and dementia. In: The Cochrane Library, 2009

Weinmann, Stefan et al: Effects of Ginkgo biloba in dementia: systematic review and meta-analysis. In: BMC Geriatrics, 3/2010

Dr. Willmar Schwabe GmbH & Co. KG: Packungsbeilage Tebonin / Allgemeine Informationen 

Ratiopharm GmbH: Packungsbeilage Ginkobil

Tinnitus-Mag: Heilpflanze Ginkgo biloba bei Tinnitus

Wikipedia: Ginkgo

FOTOS: Titel © Pixabay; Andere: Pixabay

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