Homöopathie bei Tinnitus: Helfen Globuli gegen Ohrgeräusche?

17. Aug 2016

Kann die Homöopathie ein geeignetes Mittel zur Tinnitus-Behandlung sein? Viele Schulmediziner und Wissenschaftler stehen dieser Heilmethode noch immer sehr kritisch gegenüber, doch so mancher Betroffene von Ohrgeräuschen hat mit der Homöopathie gute Erfahrungen gemacht. Wer für die sanfte Medizin offen ist, kann seine Heilung auf diese Weise ganzheitlich unterstützen. Auf dieser Seite erfahren Sie alles über die Möglichkeiten und Grenzen von Globuli in der Tinnitus-Therapie.

Die Homöopathie unterscheidet sich grundlegend von der sogenannten Schulmedizin. Als ganzheitliches Heilverfahren hat sie nicht eine einzelne Erkrankung im Blick, sondern den ganzen Menschen als Einheit von Körper, Geist und Seele. Während ein Schulmediziner meist mit der Unterdrückung von Symptomen zufrieden ist, will der Homöopath mit einem ganz individuell ausgesuchten Präparat einen Impuls für die Selbstheilung geben, sodass die Krankheit in Gänze überwunden wird.

Wenn Sie also wegen eines Tinnitus zu einem klassischen Homöopathen gehen, zieht dieser nicht augenblicklich ein spezielles Tinnitus-Präparat aus der Schublade. Vielmehr wird er sich, ausgehend vom Beschwerdebild des Tinnitus, ein bis zwei Stunden lang ein umfassendes Bild von Ihnen und Ihrem Leben machen.

Aus Hunderten von möglichen Mitteln wählt der Homöopath dann am Ende eines aus, das am besten geeignet ist, Ihren körperlichen, psychisch-seelischen und sozialen „Gesamtzustand“ wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Das kann bedeuten, dass ein und derselbe Homöopath zwanzig verschiedenen Tinnitus-Patienten zwanzig unterschiedliche Sorten Globuli verschreibt.

Das homöopathische Prinzip

Begründet wurde die Homöopathie Ende des 18. Jahrhunderts von dem deutschen Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843). Dieser bemerkte, dass eine Krankheit oft ungewöhnlich gut mit einem Arzneimittel behandelbar ist, das bei gesunden Menschen ganz ähnliche Symptome wie eben diese Krankheit erzeugt. Zum Beispiel stellte Hahnemann fest, dass Gesunde nach der Verabreichung von Chinarinde Symptome einer Malaria entwickelten, gegen die damals Chinarinde als Arznei eingesetzt wurde.

In unzähligen Versuchen an sich selbst und anderen testete der Arzt viele hundert Substanzen und beobachtete immer wieder das sogenannte „Ähnlichkeitsprinzip“, das zum therapeutischen Leitprinzip der Homöopathen wurde: „Ähnliches soll durch Ähnliches geheilt werden.“ Der Begriff Homöopathie leitet sich denn auch vom griechischen „homoios pathos“ ab: „ähnliches Leiden“. 

Durch akribische Beobachtungen der körperlichen, geistigen und seelischen Reaktionen auf alle möglichen Substanzen entstanden bald umfassende Sammlungen der Wirkweise homöopathischer Arzneimittel. Dabei ist das Spektrum möglicher Mittel gewaltig: Es reicht von Heilpflanzen und tierischen Produkten über Mineralstoffe und Metalle bis hin zu Giftstoffen wie Quecksilber oder Bienengift.

Weil einige dieser Substanzen sehr giftig waren, ging Hahnemann dazu über, sie stark zu verdünnen. Dabei stellte er entgegen seiner Erwartung fest, dass die Wirkung der Arzneien dadurch nicht abnahm, sondern sich sogar noch verstärkte. Deshalb nannte er den Vorgang des Verdünnens „Potenzieren“.

In der Homöopathie enthalten also „niedrige Potenzen“ mehr Wirkstoff, wirken aber weniger stark. Hohe Potenzen enthalten weniger Wirkstoff, weil sie stärker verdünnt sind, sollen aber stärker wirken. Dieses Prinzip führt auch zu dem heute immer wieder belächelten Phänomen, dass besonders hohe Potenzen (zum Beispiel „C200“) dermaßen stark verdünnt sind, dass sie rein physikalisch überhaupt keine Moleküle des Wirkstoffs mehr enthalten.

Die Herstellung homöopathischer Mittel ist in Deutschland gesetzlich streng geregelt, und zwar im Homöopathischen Arzneibuch. Die Ausgangssubstanzen werden dabei nach einem einheitlichen Verfahren wiederholt mit Wasser oder Alkohol geschüttelt oder mit Milchzucker verrieben. 

Hahnemann selbst hat die von ihm begründete Heilmethode offenbar zumindest nicht geschadet. Immerhin erreichte er das für damalige Verhältnisse geradezu biblische Alter von 88 Jahren.

Was bedeutet „klassische Homöopathie“?

In der klassischen Homöopathie wird in der oben beschriebenen Weise nach eingehender Beschäftigung mit dem ganzen Menschen in feiner Dosierung ein Arzneimittel verabreicht, das seine Lebens- und Selbstheilungskräfte aktivieren soll.

Dabei verordnet ein klassisch arbeitender Homöopath immer ein einzelnes sorgfältig ausgewähltes Mittel. Und zwar ein aus einer einzigen Ausgangssubstanz hergestelltes Einzelmittel, nicht ein aus mehreren Inhaltsstoffen zusammengemischtes sogenanntes Komplexmittel.

Allein zur Behandlung von Menschen mit Tinnitus kommen in der klassischen Homöopathie etwa 350 verschiedene Mittel in Frage.

Angebote bestimmter homöopathischer Mittel zur Selbstbehandlung für bestimmte Krankheiten, wie sie sich vielfach im Internet finden, haben dagegen nichts mit der ganzheitlichen klassischen Homöopathie zu tun. Denn diese Herangehensweise spiegelt ja den Geist der sogenannten Schulmedizin.

Auf diese Weise finde „nur eine Unterdrückung der körperlichen Symptomatik statt, wenn das Mittel denn auch wirklich ähnlich genug zur Gesamtsituation gewählt wurde. Sonst wirkt es eh nicht“, kritisiert der Münchner Heilpraktiker Dieter Wolf. „Daher ist eine Selbstbehandlung – auch wegen der großen Anzahl an möglichen Heilmitteln – kritisch zu sehen und meist nur zufällig, im symptomverdängenden Sinne, erfolgreich.“

So läuft die Behandlung ab

Ausgangspunkt der Behandlung ist eine rund ein- bis zweistündige Diagnose, die sogenannte (Erst-) Anamnese. In dieser umfassenden Fallanalyse ermittelt der Homöopath nicht nur die Krankheitsgeschichte, sondern sammelt viele Informationen über die Persönlichkeit und die sozialen Umstände, die Lebensgeschichte und Lebensweise, die körperliche und ganz besonders auch die psychische Verfassung.

Auf dieser Basis sucht der Homöopath das für das jeweilige Persönlichkeits- und Krankheitsbild geeignetste Mittel aus. Bei der Einnahme kommt es häufig zunächst zu einer Verstärkung der Symptome, der sogenannten Erstverschlechterung oder Erstreaktion. Für den Homöopathen ist dies ein positives Zeichen dafür, dass das Mittel Wirkung zeigt und der Heilungsprozess aktiviert wurde.  

Sollte es beim Tinnitus zu einer Erstverschlechterung kommen, ist dies kein Grund zur Beunruhigung. Denn es handelt sich so gut wie immer nur um eine verstärkte Wahrnehmung des Tinnitus, nicht um eine tatsächliche Veränderung des Tinnitussignals. Im Zweifel sollten Sie aber natürlich Ihren Arzt oder Heilpraktiker konsultieren, der die homöopathische Reaktion beobachten sollte.

Bei chronischen Beschwerden wie einem seit Längerem bestehenden Tinnitus wird in der Regel nach vier bis sechs Wochen eine erste Folgesitzung vereinbart, bei der der Fortschritt geprüft und weitere Behandlungsschritte besprochen werden.

Homöopathische Ärzte stellen die Kosten meist privatärztlich nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) in Rechnung gestellt. Danach kostet die Anamnese je nach Zeitrahmen 120 bis 250 Euro, Folgesitzungen kosten 60 bis 120 Euro. Die Honorare für Heilpraktiker sind nicht verbindlich einheitlich geregelt und können daher deutlich variieren. Günstig sind in jedem Fall die Globuli selbst: etwa 4 bis 15 Euro pro Döschen.

Gesetzliche Krankenkassen übernehmen in der Regel keinerlei Kosten für Behandlung und Arzneimittel. Die Privaten Krankenkasse erstatten die Kosten meist.

Wirksamkeit der Homöopathie

Die Wirksamkeit der Homöopathie ist hochumstritten. Einerseits schwören viele Menschen auf diese Art der sanften Medizin. Andererseits konnte in mehr als 100 wissenschaftlichen Studien bis heute kein belastbarer Nachweis für eine Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel erbracht werden, die über den Placebo-Effekt hinausgeht.

Zur Wirkung der Homöopathie bei Ohrgeräuschen gab es bislang  weltweit nur eine einzige wissenschaftliche Untersuchung : Die klinische Studie am Institut für Pharmakologie der University of Birmingham testete 1998 ein homöopathisches Präparat namens „Tinnitus“. Die Einnahme in Form von Tabletten der Potenz D60 über einen längeren Zeitraum zeigte bei den Patienten allerdings keine Wirkung. Im Vergleich zu einer Gruppe von Patienten, die lediglich ein Placebo erhielt, wirkte das homöopathische Mittel nicht besser.

Die Aussagekraft dieser Studie ist jedoch gleich Null. Erstens lässt die Untersuchung keine Schlussfolgerungen auf andere homöopathische Präparate. Zweitens handelte es sich ja nicht um eine Behandlung nach dem Prinzip der klassischen Homöopathie.

Dennoch muss man klar sagen: Ob die Homöopathie wirksam ist oder nicht, ist letztlich eine Glaubensfrage. Manchen scheint sie zu helfen, vielen auch nicht.

Rat für Tinnitus-Betroffene

Die Deutsche Tinnitus-Liga, die große Selbsthilfeorganisation für Tinnitus-Betroffene, steht der Homöopathie durchaus wohlwollend gegenüber – und das, obwohl ihre Arbeit sehr stark von der HNO-ärztlichen, klinischen Perspektive geprägt ist. Allerdings warnt die Tinnitus-Liga davor, auf die Homöopathie als einzige Therapie zu setzen. Das sei schlichtweg „nicht sinnvoll“. Diese Einschätzung teilen wir voll und ganz.

Gerade in der Akutphase eines Tinnitus – also während der ersten drei Monate, wenn die Wahrscheinlichkeit einer Spontanheilung noch bei rund 50 Prozent liegt – sollte unbedingt eine gezielte akustische Ablenkung und systematische Entspannung betrieben werden. Wer hier wochen- oder gar monatelang alle Hoffnung darauf setzen würde, dass Globuli oder Gingko-Kapseln vielleicht doch noch irgendwann anschlagen, verlöre leider wertvolle Zeit. Zeit, in der sich der Tinnitus immer mehr verfestigt.

Auch bei einem chronischen, also seit Längerem bestehenden Tinnitus kann die Homöopathie auf keinen Fall erprobte, gut wirksame Tinnitus-Therapien wie das Tinnitus-Retraining ersetzen, ebenso wenig den gezielten Stressabbau durch Entspannungsübungen.

Häufig tut Betroffenen aber allein schon die ausführliche Anamnese der klassischen Homöopathie sehr gut – durch die Erfahrung, dass sich nach eher gleichgültigen, kurz angebundenen HNO-Ärzten nun endlich einmal jemand für sie als Mensch, das Leiden und seine Umstände wirklich interessiert.

Eine homöopathische Behandlung kann natürlich keine längere psychologische Beratung oder Begleitung ersetzen. Dennoch trägt der Kontakt zum klassischen Homöopathen durchaus oft Züge eines kleinen „Lebens-Coachings“, und das nicht nur bei Homöopathen, die Heilpraktiker für Psychotherapie sind.

Auch kann es passieren, dass ein Tinnitus-Betroffener sich im Rahmen der Anamnese tieferer seelischer Belastungen bewusst wird oder Ursachen für großen Stress in seinem Leben erkennt. Wenn dies einen „reinigenden“ Prozess in Gang setzt und Stress (einer der Hauptfaktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung eines Tinnitus) abgebaut wird, kann dies zu einer Linderung oder gar Heilung beitragen.

Hier von einem Nebeneffekt der homöopathischen Behandlung „Wunder“ zu erwarten, würde die meisten Homöopathen allerdings stark überfordern. Die Homöopathie setzt schließlich in allererster Linie auf die Verabreichung der richtigen Globuli.  

Unser Rat lautet daher klar: Die Homöopathie sollte nur als ergänzende Behandlung in Betracht gezogen werden. Und zwar vor allen von denjenigen, die bereits gute Erfahrungen damit gemacht haben oder zumindest sehr aufgeschlossen für die „sanfte Medizin“ sind. Von einer Selbstmedikation mit speziellen Tinnitus-Präparaten ist aber abzuraten.


QUELLEN:

Deutsche Tinnitus-Liga: Mitgliederinformationen zur Homöopathie

Simpson, J.J., Donaldson, I, Davies, W.E. (1998): Use of homeopathy in the treatment of tinnitus. In: American Journal of Otology, No. 20, S. 627-631

Baguley, David et al. (2013):  Tinnitus. A multidisciplinary appoach.

A. Shang, K. Huwiler-Müntener, L. Nartey L. (2005): Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? Comparative study of placebo-controlled trials of homoeopathy and allopathy. In: Lancet. Band 366, Nr. 9487, S. 726–732

FOTOS: Titel © Alim Yakubov / Shutterstock.com

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