Volkskrankheit Tinnitus: Jeder zehnte Amerikaner von Ohrgeräuschen betroffen

23. Jul 2016

Ohrgeräusche entwickeln sich in den westlichen Industrieländern immer mehr zu einer Volkskrankheit. Laut einer neuen Studie aus den USA haben in den vergangenen zwölf Monaten 21,4 Millionen US-Amerikaner einen Tinnitus erlebt. Das ist nahezu jeder zehnte Einwohner. Die Untersuchung der Universitäten von Harvard und Irvine zeigte zugleich, dass dauerhafte Lärmbelastung das Tinnitus-Risiko erheblich erhöht.

Für die Studie wurde eine landesweite Umfrage unter 75 000 Erwachsenen ausgewertet und hochgerechnet. Demnach erlebten von den 222 Millionen Erwachsenen in den USA in den vergangenen zwölf Monaten 21,4 Millionen einen Tinnitus. Das sind 9,6 Prozent der Bevölkerung.

Viele erlebten das Ohrgeräusch aber auch nur vorübergehend, bei anderen kam und ging es immer wieder. Bei 56 Prozent der betroffenen Männer und Frauen dauerte der Tinnitus schon seit mehr als fünf Jahren an, bei 27 Prozent schon seit mehr als 15 Jahren. 

Die Studie wurde am 21. Juli 2016 in der Fachzeitschrift JAMA Otolaryngology – Head & Neck Surgery veröffentlicht. Federführend war Dr. Harrison Lin, Professor für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde der University of California in Irvine, der die Studie zusammen mit der Harvard Medical School durchführte.

Nicht jeder ist vom Tinnitus gestört

„Für die große Mehrheit der Patienten bedeutet ein Tinnitus keine nennenswerte gesundheitliche Beeinträchtigung“, sagte Lin. „Allerdings kann ein Tinnitus äußerst störend sein und bereits vorhandene psychische Störungen wie Depressionen oder Angststörungen verschlimmern. Er kann zu Schlafstörungen führen, ebenso wie zu negativen Gedanken und Gefühlen, und so das Leben erheblich trüben.“

In der Untersuchung gaben immerhin 31,0 Prozent der Betroffenen an, dass der Tinnitus sie überhaupt nicht stört. Für 41,6 Prozent ist das Ohrgeräusch lediglich ein „kleines Problem“, für 20,2 Prozent ein „mittelgroßes Problem“. Für 7,2 Prozent der Betroffenen stellt das Ohrgeräusch ein „großes oder sehr großes Problem“ dar. 

Einen „Tinnitus haben“ und „unter einem Tinnitus leiden“ sind also zwei verschiedene Dinge. Denn viele Menschen haben einen Tinnitus, leiden aber wenig bis gar nicht darunter.

Leider wird dieser Umstand in der Medienberichterstattung von inkompetenten Journalisten immer wieder missachtet und verdreht. So betitelte etwa Sueddeutsche.de einen Beitrag zu der Studie mit: „Jeder zehnte leidet an Tinnitus“. Das ist eine glatte Falschmeldung. 

Risikofaktor Lärm

Menschen, die über lange Jahre einer größeren Lärmbelastung ausgesetzt sind, bekommen wesentlich häufiger ein Ohrgeräusch. Wie die Studie ergab, erhöht ständiger Lärm am Arbeitsplatz oder in der Freizeit (zum Beispiel durch laute Werkzeugmaschinen oder Konzertbesuche) das Tinnitus-Risiko um das Dreifache. 

Generell sind Männer offenbar häufiger von Ohrgeräuschen betroffen als Frauen. So berichteten insgesamt 10,5 Prozent der Männer, aber nur 8,8 Prozent der Frauen von einem Tinnitus während der vergangenen zwölf Monate.

Etwa 40 Prozent der Betroffenen gaben an, dass sie den Tinnitus besonders nachts wahrnahmen. „Die Stille zur Zeit der Nachtruhe rückt den Tinnitus in den Vordergrund der Aufmerksamkeit“, sagte Lin. Als Gegenmittel empfiehlt der Forscher das Abspielen von weißem Rauschen oder Naturgeräuschen. „Das drängt die Tinnitus-Wahrnehmung in den Hintergrund, sodass man entspannen und besser einschlafen kann.“ 

Arzt rät zur Klangtherapie mit dem Smartphone

„Wir gehen allgemein davon aus, dass 10 bis 15 Prozent der Erwachsenen Tinnitus haben. Manche Studien ergaben, dass es sogar rund 30 Prozent sind“, sagte James Henry, Tinnitus-Forscher am U.S. National Center for Rehabilitative Auditory Research in Portland, in Reaktion auf die neue Studie.

Henry, der auch Sprecher der American Speech-Language-Hearing Association ist, empfiehlt bei einem länger anhaltenden Tinnitus vor allem Techniken der Kognitiven Verhaltenstherapie sowie eine Klangtherapie. Bei der Klangtherapie wird das Ohrgeräusch (ganz oder teilweise) verdeckt, indem die eigene Hörumgebung gezielt mit angenehmen Klängen und Geräuschen angereichert wird. 

„Ein Smartphone ist ein exzellenter Weg, eine Klangtherapie durchzuführen“, sagte Henry dem Gesundheitsmagazin HealthDay. „Sie können auf die unterschiedlichsten Klänge im Internet zugreifen, Musik downloaden – alles, was Sie wollen – und über Ihre Kopfhörer hören. Das ist ein sehr günstiger Weg für eine Klangtherapie.“

© Earnoise.Care / jas


QUELLEN:

Bhatt, Jay M. / Lin, Harrison W. / Bhattacharyya, Neil: Prevalence, Severity, Exposures, and Treatment Patterns of Tinnitus in the United States. In: JAMA Otolaryngol Head Neck Surgery. Vol. 10, 2016 

HealthDay: 1 in 10 Americans has experienced ringing in the ears. Steven Reinberg, 21.7.2016

CBS News: Ringing in your ears? You could have this treatable condition. Ashley Welch, 21.7.2016

Sueddeutsche.de: Jeder Zehnte leidet an Tinnitus - mindestens. Werner Bartens, 22.7.2016

FOTOS: Titel © file404 / Shutterstock.com

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