Warum Tinnitus bei Erkältung lauter wird (und was dagegen hilft)

von 4.10. 2019

Fast jede*r Tinnitus-Betroffene kennt das: Kaum hat man sich eine Erkältung, Grippe oder einen anderen Infekt (Nasennebenhöhlenentzündung, Mandelentzündung, Mittelohrentzündung etc.) eingefangen, wird das Ohrgeräusch spürbar lauter, schlimmer, aggressiver, störender.

Wie kommt das eigentlich? Ist das ein Grund zur Sorge? Wie sollte man damit umgehen? All dies erkläre ich Ihnen hier.

Warum wird mein Tinnitus bei einer Erkältung lauter?

Das Phänomen hat drei Gründe: eine akute Hörminderung, übermäßige Stille  und Stress. Sehen wir uns das einmal genau an:

1. „Erkältungsschwerhörigkeit“

Bei einer Erkältung, Grippe oder anderen Hals-Nasen-Ohren-Infekten kommt es regelmäßig zu einer vorübergehenden Hörminderung. Weil die Umgebungsgeräusche dann gedämpft werden, sticht der Tinnitus automatisch stärker hervor. 

Über uns

Auf TinnitusHeilen.de informiere ich Sie auf dem aktuellen Stand von Forschung und Therapie rund um das Thema Ohrgeräusche. In meinem Großen Tinnitus-Heilbuch zeige ich Schritt für Schritt, wie Sie das Tinnitus-Leiden gezielt überwinden und zugleich Ihre Chance maximieren, dass das Geräusch ganz abklingt. Haben Sie Fragen? Dann schreiben Sie mir gern.

Der Grund für die „Erkältungsschwerhörigkeit“:

Erreger – Viren oder Bakterien – befallen die Schleimhaut der sogenannten Ohrtrompete. Das ist eine trompetenförmige Röhre (in der Abbildung unten rechts gut zu erkennen) zwischen Mittelohr und Nasenrachen. Durch sie wird das Mittelohr belüftet.

Wenn sich die Ohrtrompete aber im Zuge eines Infektes entzündet, anschwillt und verschließt, ist kein Druckausgleich mehr möglich. Im Ohr entsteht dann ein Unterdruck, und man hört nicht mehr gut.

Manchmal kommt es auch zu einer Mittelohrentzündung. Dabei füllt sich das Mittelohr mit einer Flüssigkeit, die dann wiederum die Schallübertragung vom Trommelfell zum Innenohr behindert. Dann hört man umso schlechter und dumpfer.

Zugleich hört man jedoch das Ohrgeräusch umso besser und deutlicher.

Zwar „funkt“ der Tinnitus unverändert. Weil es aber von den vielen kleinen und großen Geräuschen der Umgebung, vom eigenen Atmen usw. weniger überlagert wird, als man es gewohnt ist, kommt es einem „schlimmer“, also lauter, aggressiver, nerviger, störender vor.

2. Stille

Es heißt nicht umsonst „Bettruhe„. Wenn man krank ist, sucht man in der Regel umso mehr Ruhe und Stille.

Wenn möglich holt man sich beim Arzt einen Krankenschein, macht zumindest nur das Allernötigste. Man verbringt viel Zeit daheim, auf der Couch oder im Bett. Hinter dicken Wänden und Doppelglasfenstern hat man es dann besonders ruhig.

Ruhiger als sonst. Man dreht das Fernsehen oder Netflix etwas leiser. Man verzichtet auf laute Musik. Man fühlt sich nicht danach, viel zu tun, viel zu sprechen.  

Der bestehende Tinnitus fällt dann natürlich umso mehr auf. Wenn die normale Geschäftigkeit, die geräuschvollen Aktivitäten und geselligen Ablenkungen des Alltags fehlen, bleibt umso mehr Aufmerksamkeit für den Tinnitus übrig. Dann erscheint er lauter und stört auch mehr.

Doch das ist noch nicht alles:

Wenn es um uns herum vollkommen still ist, wird das Ohrgeräusch sogar noch zusätzlich verstärkt. Neurowissenschaftler haben nämlich etwas sehr Bedeutsames entdeckt:

Bei großer Stille schraubt unser Hörsystem (also der Teil unseres Gehirns, der für das Hören zuständig ist) eigenständig und ganz automatisch seine interne Empfindlichkeit herauf.

So wie unsere Augen sich auf Dunkelheit einstellen und empfindlicher werden, wird auch das Hörsystem bei Stille empfindlicher. Ohne dass es uns bewusst wird, strengt sich unser Hörsystem dann sozusagen an, irgendetwas zu hören. 

Man wird dadurch „hellhöriger“, sodass man auch sehr leise Geräusche noch wahrnehmen kann.

Die Crux ist bloß: Durch die erhöhte Empfindlichkeit im Hörsystem werden nicht nur äußere Geräusche verstärkt, sondern auch der intern erzeugte Tinnitus!

Wieder ist es so, dass sich das im Hörzentrum des Gehirns funkende Tinnitussignal gar nicht verändert. Sie nehmen vielmehr den gleichen Tinnitus deutlich wahr, durch den Mangel an akustischer Ablenkung und die größere Verstärkung im Hörsystem.

3. Stress

Damit sind wir auch schon beim dritten Faktor, der den Tinnitus bei einer Erkältung „schlimmer“ werden lässt: Stress.

Nun glauben Sie vielleicht, wenn Sie sich mit einem Infekt daheim „einmummeln“ und nicht viel tun, haben Sie überhaupt keinen Stress? Weit gefehlt. Selbst, wenn man sich krankschreiben lässt und es sich unter einer warmen Decke gemütlich macht:

Jede Erkältung, jeder Infekt und jede Grippe bedeutet für Körper und Psyche eine erhebliche Belastung. Das autonome Nervensystem, das alle unsere Körperfunktionen steuert, gerät dann automatisch in den Stress-Modus.

Wer gesundheitlich angeschlagen ist, aber trotzdem arbeiten, sich um die Kinder kümmern, „funktionieren“ muss, ist natürlich erst recht belastet und überfordert. Und das, obwohl man durch die Erkrankung zugleich viel weniger stressresistent ist.

Wenn der Infekt einen ermattet, einem Schwerzen bereitet, fühlt man sich auch schnell niedergeschlagen. Zugleich hat man viel Zeit zum Grübeln oder macht sich Sorgen – zum Beispiel wegen des lauteren Tinnitus. 

Für unser Nervensystem jedoch bedeuten trübe Gedanken, Grübeleien, Sorgen und Ängste, aber auch belastende Gefühle wie Hilflosigkeit, Traurigkeit, Ärger oder Wut immer das gleiche: Stress. 

Der springende Punkt ist: Wenn das Nervensystem in den Stress-Modus schaltet, macht das den Tinnitus lauter. Für Neurophysiologen ist das tatsächlich eine Binsenweisheit.

In unser Gehirn ist nämlich ein Millionen Jahre alter Mechanismus eingebaut: Stress (also Belastung, Druck, Anspannung, Angst etc.) erhöht die Empfindlichkeit im Hörsystem!

Das sollte uns ursprünglich ermöglichen, bei Gefahren besonders wachsam und „hellhörig“ zu sein. Jetzt aber, im Angesicht der Erkältung samt Ohrgeräusch, ist das Ergebnis das gleiche wie im Fall von absoluter Stille:

Der Tinnitus, obwohl eigentlich unverändert, wird verstärkt – sodass man ihn lauter hört. Und dann ist er natürlich unangenehmer, aufdringlicher, schlimmer, aggressiver.

Tinnitus lauter bei Erkältung: Wie gehe ich damit um?

So weit, so gut – oder schlecht. Was aber sollten Sie jetzt tun? Die gute Nachricht ist: Sie können sich selbst gut helfen.

Kein Grund zur Sorge

Das Entscheidende ist, dass Sie Ruhe bewahren und sich nicht in den „schlimmeren Tinnitus“ bzw. die lautere Tinnitus-Wahrnehmung hineinsteigern. Atmen Sie tief durch, lenken Sie sich ab – gerade auch akustisch – und entspannen Sie sich, so gut es geht.

Wenn Sie verstanden haben, nach welchen drei Mechanismen das Ohrgeräusch lauter wird, brauchen Sie sich gar keine Sorgen machen.

Alle drei Faktoren – Hörminderung, Stress und Stille – haben schließlich eines gemeinsam: 

Sie sind – im Zuge einer gewöhnlichen Erkältung, Mittelohrentzündung, Nasennebenhöhlenentzündung usw. – bloß vorübergehend. Und: Das eigentliche Tinnitus-Signal ändert sich gar nicht. Sie nehmen es nur vorübergehend lauter wahr.

Das mag jetzt zwar etwas unangenehm sein, so wie die Erkältung, die Entzündung oder der grippale Infekt an sich. Sie können aber davon ausgehen, dass die Lautheit (= wahrgenommene Lautstärke) des Tinnitus bald wieder auf das gewohnte Maß zurückgeht.

Keine Hörschädigung

Auch wegen der „Erkältungsschwerhörigkeit“ brauchen Sie keine Angst haben. Eine konkrete Diagnose kann natürlich in jedem Einzelfall nur ein HNO-Arzt stellen. Aber eine Hörminderung im Zuge einer gewöhnlichen Belüftungsstörung oder Mittelohrentzündung ist prinzipiell bloß eine vorübergehende „Schallleitungs-Schwerhörigkeit“.

Es gibt in diesem Fall keine akute Hörschädigung (etwa eine Schädigung der Sinneszellen in der Hörschnecke des Innenohres), die jetzt irgendwie zu „reparieren“ wäre. Es gilt daher lediglich, den Infekt an sich zu behandeln und auszukurieren.

Soll ich zum Arzt gehen?

Dass ein bestehendes Ohrgeräusch während einer Erkältung lauter, schlimmer, störender wird, ist völlig normal – und in der Regel kein Grund, einen Arzt aufzusuchen.

Trotzdem kann ein Besuch beim Hausarzt oder HNO-Arzt natürlich hilfreich (oder z.B. im Fall einer Grippe auch unbedingt notwendig) sein, um den Infekt gut zu behandeln und zügig zum Abklingen zu bringen. Alles über die Behandlung von Erkältungen und anderen Infekten im Zusammenhang mit einem Tinnitus erfahren Sie in diesem Ratgeber. 

Da Sie sich als Laie kaum selbst diagnostizieren können, gilt als Faustregel: Gehen Sie im Zweifel – oder zur Sicherheit – stets besser zum Arzt. Lassen Sie sich dabei aber bitte keine nachweislich wirkungslosen „Pseudo-Medikamente“ wie Ginkgo (z.B. Tebonin, Gingium) verordnen – hier unser Ratgeber dazu.

Ganz entscheidend in Bezug auf den lauteren Tinnitus ist, wie Sie mit der Situation umgehen.

Das Richtige tun

Im Grunde gibt es nur eine Möglichkeit, dass ein bestehendes Ohrgeräusch nicht mit dem Abklingen der Erkältung (bzw. der damit verbundenen, oben aufgeführten drei Faktoren) wieder auf das gewohnte Maß schrumpft: das besagte „Hineinsteigern“.

Wenn Sie dem Tinnitus jetzt enorm viel Aufmerksamkeit geben und sich irrational viele Sorgen machen, könnte die lautere, störendere Wahrnehmung auch länger anhalten.

So kann eine bereits erfolgte teilweise Gewöhnung an das Ohrgeräusch durch eine Negativspirale von Tinnitus-Fixierung und Stressreaktion wieder „zurückgesetzt“ werden.

Ironisch gesagt: Wenn Sie genau darauf hinarbeiten wollen, verbringen Sie einfach Ihre gesamte Zeit in absoluter Stille und beschäftigen Sie sich mit nichts anderem als dem Tinnitus.

Weil Sie die Gründe für das Lauter-Werden des Tinnitus aber jetzt kennen, brauchen Sie diesen Fehler nicht machen. Stattdessen tun Sie das Richtige: Sie wirken ganz einfach den drei Faktoren „Erkältungsschwerhörigkeit“, Stille und Stress entgegen. Also: 

  • Kurieren Sie den Infekt gut aus. Ihr Immunsystem wird in der Regel innerhalb einiger Tage selbst dafür sorgen, dass die Ohrtrompete abschwillt oder die Mittelohrentzündung abklingt. Helfen sie ggf. – je nach ärztlicher Diagnose – mit einem abschwellenden Nasenspray, Inhalationen oder einem Antibiotikum nach. (Mehr dazu hier.)
  • Meiden Sie allzu große Stille. Umgeben Sie sich mit leisen, dezenten, angenehmen Klängen wie schöner Musik oder entspannenden Naturgeräuschen wie diesen. So drängen Sie den Tinnitus systematisch in den Hintergrund.
  • Entspannen Sie sich. Zum Beispiel, indem Sie immer wieder einige Minuten lang tief ein- und ausatmen, angenehme Dinge tun und sich keine unnötigen Sorgen machen.
  • Lenken Sie sich ab. Damit möglichst wenig Ihrer begrenzten Aufmerksamkeit für den Tinnitus übrig bleibt. Tipps, wie vermeiden, dass eine Krankschreibung den Tinnitus verstärkt, finden Sie hier.

Systematisch genesen

Wenn Sie – jenseits der aktuellen Erkältung – ganz gezielt zu einem vom Tinnitus unbeeinträchtigten Leben zurückkehren möchten, dann sei Ihnen Das Große Tinnitus-Heilbuch ans Herz gelegt.

Auf dem aktuellen Stand von Forschung und Therapie bündelt dieser bahnbrechende Ratgeber die erwiesenermaßen wirksamsten Heilungsstrategien zu einem optimalen Selbsthilfeprogramm.

Mit den besten Wünschen
JS

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ÜBER DEN AUTOR

Jan Staiger

Der Berliner Gesundheitsberater und Stressmanagement-Trainer wurde vom Tinnitus-Betroffenen zum erfolgreichen Selbsthilfe-Coach. Sein hochwirksamer integraler Behandlungsansatz basiert auf dem neuesten Stand von Forschung und Therapie. 

Der engagierte Tinnitus-Experte verrät, was wirklich hilft – und was nicht. Dank einer jahrelangen Auswertung der internationalen Forschung und der therapeutischen Praxis führender Tinnitus-Kliniken weltweit konnte er bereits Tausenden Menschen in persönlicher Beratung zu einem vom Ohrgeräusch ungetrübten Leben verhelfen.  

Im Frühjahr 2018 erschien sein bahnbrechender Selbsthilfe-Ratgeber "Das Große Tinnitus-Heilbuch".

Als erfahrener Journalist (Dipl.-Med.-wiss., mit langjährigen Tätigkeiten u.a. für das ZDF und die Nachrichtenagentur ddp) steht J. Staiger für klar verständliche, absolut verlässliche Inhalte. Als umfassend ausgebildeter Practitioner des "Neuro-Linguistischen Programmierens" (NLP) versteht er es zugleich, mit den Mitteln der Sprache tiefgreifende positive Veränderungen von Wahrnehmung, Denken und Verhalten anzuregen.

Der Artikel auf dieser Seite wurde zuerst veröffentlicht am 4. Oktober 2019. Es gelten die Urheberrechtshinweise in den AGB!

https://www.apotheken-umschau.de/Erkaeltung/Richtig-inhalieren–so-gehts-57502.html

FOTOS: Titel © Kinga Cichewicz / Unsplash (U); Grafik © ilusmedical / Shutterstock (S); andere: Nik Shuliahin (U), Sam Manns (U), Nathan Dumlao (U), Africa Studio (S)

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Auf TinnitusHeilen.de informieren wir Sie auf dem neuesten Stand von Forschung und Therapie rund um das Thema Ohrgeräusche. Unabhängig, seriös und immer angetrieben von dem Wunsch, Ihnen wirklich zu helfen.

Exklusiv bei uns ist seit Mai 2018 auch der bahnbrechende Selbsthilfe-Ratgeber "Das Große Tinnitus-Heilbuch" erhältlich. Sie erfahren darin, wie Sie das Tinnitus-Leiden gezielt überwinden und zugleich Ihre Chance maximieren, dass das Ohrgeräusch wieder ganz abklingt.

Ziel unserer Arbeit ist Heilung im Sinne eines vom Tinnitus unbeeinträchtigten Lebens. Indem das Geräusch entweder verschwindet oder aber unwichtig wird und nicht mehr stört  – weshalb man es dann überhört.

Therapeutische Klänge

  1. Meeresrauschen
  2. Wildbach
  3. Weißes Rauschen
  4. Sommerregen
  5. Singvögel

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Die 30 extra-sanften Klänge von EarnoiseCare wurden eigens für die gezielte Tinnitus-Behandlung entwickelt und helfen fast jedem Betroffenen enorm.