Tinnitus und Krankschreibung: Über Nutzen und Risiko einer Auszeit vom Job

22. Jan 2016

Wenn sich ein Ohrgeräusch eingestellt hat oder Ihnen gar den letzten Nerv raubt, stellt sich die Frage: Soll ich weiter zur Arbeit gehen oder mich krankschreiben lassen? Wie Sie sich entscheiden, kann Ihrer Heilung einen großen Schub geben  oder aber Ihre Situation auf verhängnisvolle Weise verschlimmern. Damit Sie das Richtige tun, wäge ich hier einmal die Vor- und Nachteile einer Krankschreibung für Sie ab.

Ein „Business as usual“ ist oft schwer möglich, wenn man sehr unter einem Tinnitus leidet. Das Geräusch lässt Sie vielleicht gerade kaum schlafen, stresst oder sorgt Sie sehr. Wahrscheinlich fällt es Ihnen schwer, sich zu konzentrieren.

Vielleicht beeinträchtigt Ihr Zustand auch den Umgang mit Kunden, Kollegen oder Vorgesetzten. Sich nun für ein paar Tage oder Wochen vom Arzt einen Krankenschein ausstellen zu lassen, scheint da eine Menge Sinn zu machen. Und doch hat genau dies oft fatale Folgen.

Wir kommen gleich darauf zu sprechen. Als Erstes sehen wir uns aber an, was für eine kleine Auszeit vom Job spricht.

Vorteile einer Krankschreibung bei Tinnitus

Wenn Ihr Tinnitus offensichtlich durch eine akute Erkrankung, zum Beispiel eine Infektion im Hals-, Nasen-, Ohrenbereich oder einen Hörsturz ausgelöst wurde, sollte es höchste Priorität haben, diese Erkrankung zu gründlich zu behandeln und auszukurieren. In diesem Fall sollten Sie sich die gebotene Zeit nehmen. Beraten Sie sich hierzu mit Ihrem Arzt.

Übermüdet auf der Arbeit wegen Tinnitus

Übermüdet auf der Arbeit?

Ein weiterer, geradezu zwingender Grund für eine Krankschreibung ist, wenn Sie ansonsten sich selbst oder andere Menschen in Gefahr bringen würden. Zum Beispiel ist es sicherlich keine gute Idee, als Busfahrer oder Chirurg zu arbeiten, wenn man wegen eines Tinnitus in der letzten Nacht kein Auge zugetan hat und todmüde ist.

Sehr wichtig bei Ihrer Entscheidungsfindung ist auch der Faktor Stress. Stress – in seinen vielen negativen Formen – spielt bei der Entstehung eines Tinnitus fast immer eine große Rolle. Häufig ist er sogar die einzige Ursache.

Und sobald das Ohrgeräusch erst einmal da ist, blüht und gedeiht es innerhalb eines gestressten, alarmierten Nervensystems. Wenn Ihre Arbeit also sehr stressig ist oder Ihre Arbeitsbedingungen Sie stark belasten, kann dies einer Heilung erheblich im Wege stehen.

Und schließlich könnte Ihnen eine Krankschreibung reichlich Zeit verschaffen, um wegen Ihres Tinnitus verschiedene Ärzte oder Heilpraktiker zu konsultieren und diverse Behandlungen und Therapien in Angriff zu nehmen.

Da es ja häufig heißt, dass man bei einem Tinnitus keine Zeit verlieren darf: Würden Sie es nicht bereuen, wenn Sie nicht umgehend alles Mögliche täten? – Nun, unglücklicherweise ist dieser scheinbar logische Impuls nur allzu oft Ausgangspunkt einer geradezu tragischen Entwicklung.

Gefahren einer Krankschreibung bei Tinnitus

Denn dies ist das eine, ganz große Argument gegen eine Krankschreibung: Sie gäbe Ihnen alle Zeit der Welt, sich mit Ihrem Tinnitus zu beschäftigen und dem lästigen Geräusch Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken!

Vom Augenblick des Aufwachens bis zu dem Moment, in dem Sie endlich einschlafen, könnten Sie den gesamten Tag damit verbringen, unablässig die Stärke Ihres Ohrgeräuschs zu prüfen, über mögliche Ursachen nachzugrübeln, sich wegen allerhand möglicher Szenarien Sorgen zu machen und von einer Behandlung zur nächsten zu „hüpfen“.

Krankgeschrieben zuhause wegen Tinnitus

Krankgeschrieben zuhause

Leider wandelt sich ein Tinnitus genau auf diese Weise häufig von einem anfänglich seltsamen, vielleicht etwas lästigen Ärgernis zu einem riesigen, alles verdunkelnden „Ungeheuer“.

Werden Sie sich bitte einer Sache bewusst: Je mehr Sie auf Ihren Tinnitus fokussieren, desto mehr werden Sie darunter leiden. Und desto unwahrscheinlicher wird es, dass er wieder verschwindet.

In einem stillen Zuhause zu sitzen, den ganzen Tag dem Pfeifen, Piepen, Rauschen oder Brummen in Ihrem Kopf zuzuhören und dagegen anzukämpfen, ist schlicht und einfach das Allerschlimmste, was Sie tun können.

Genau dies verfestigt und verstärkt einen Tinnitus. Wenn Sie sich also aus einer der oben genannten guten Gründe für eine Krankschreibung entscheiden, vermeiden Sie unbedingt diesen verhängnisvollen Teufelskreis.

Das Richtige Tun

Verschaffen Sie sich so viel akustische Ablenkung wie nur möglich – am besten, indem Sie entspannende Musik, beruhigende Naturgeräusche oder spezielle Klänge zur Tinnitus-Maskierung hören (eine gute Auswahl finden Sie hier). Dies ist eines der einfachsten und wirkungsvollsten Mittel der Tinnitus-Behandlung und kann auch als systematische Klangtherapie angewandt werden.

Tinnitus-Klangtherapie: Heilung durch Masking und Retraining

Wenn Ihnen dies möglich ist, unternehmen Sie lange Spaziergänge durch den Park oder einen Wald. Falls das Meer oder ein plätschernder Bach in der Nähe ist, verbringen Sie dort einige Zeit, um „herunterzufahren“.

Machen Sie ein paar sanfte Entspannungsübungen. Nehmen Sie ein Bad, fahren Sie ins Schwimmbad oder gönnen Sie sich eine Massage. Alles, was Sie „aus dem Kopf, in den Körper“ bringt, wird Ihnen helfen. Seien Sie aktiv und suchen Sie soziale Kontakte. Ziehen Sie sich nicht aus der Welt zurück.

Kein Hausarrest

Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ist keine Anordnung für einen Hausarrest! Nach dem deutschen Arbeitsrecht muss sich ein Arbeitnehmer im Falle einer Krankschreibung  so verhalten, dass er schnell wieder gesund wird. 

Verboten ist nur, was die Genesung verzögert oder behindert. Jede Tätigkeit, die weder schadet noch nützt, ist grundsätzlich erlaubt. Was man also im Krankenstand tun darf und was nicht, hängt vor allem von der Art der Erkrankung ab.

Wenn der Arzt also zum Beispiel bei einem grippalen Infekt strikte Bettruhe empfiehlt, muss man sich auch daran halten. Andernfalls riskiert man eine Abmahnung oder gar eine Kündigung.

Wenn ein Tinnitus aber nicht mit einer solchen akuten Erkrankung einhergeht, wäre es der Genesung sogar äußerst abträglich, sich im „stillen Kämmerlein“ einzuschließen.

Jede Art der Entspannung und angenehmen Ablenkung fördert dagegen die Genesung. Auch gesellige Aktivitäten oder sanfter Sport unterstützen daher bei einem Tinnitus prinzipiell die Genesung erlaubt. 

Eher gefährlich wäre es dagegen, mit einem akuten, störenden Tinnitus ein ohrenbetäubend lautes Rock-Konzert zu besuchen. Denn dies könnte Hörstörungen verursachen oder verschlimmern, die 

Wenn Sie auf Nummer sicher gehen wollen, besprechen Sie sich vorher mit Ihrem Arzt. Für den Fall der Fälle können sich von Ihrem Arzt auch als Zusatz zur Krankschreibung formlos eine Liste von Aktivitäten aufschreiben lassen, die in Ihrem Fall ausdrücklich heilungsfördernd oder zumindest unbedenklich wären.

Möglich wäre im Krankenstand sogar eine kleine Reise, ein Ausflug ans Meer oder ein erholsames Wellness-Wochenende. Das sollten Sie sich aber von Ihrem Arbeitgeber unbedingt vorher genehmigen lassen.

Unter Kollegen am Arbeitsplatz

Oder doch besser weiterarbeiten?

Fassen wir also zusammen: Es gibt in der Tat sehr gute Gründe dafür, sich einen Krankenschein ausstellen zu lassen. Wenn es Ihnen gelingt, die Chancen für sich zu nutzen und die Gefahren zu umschiffen, können Sie von einer kleinen Auszeit von Ihrer Arbeit profitieren.

Ihren Job dagegen weiterzumachen, so schwer das zunächst auch sein mag, könnte Sie allerdings auf sehr förderliche Weise von Ihrem Tinnitus ablenken. Und verhindern, dass das Ohrgeräusch einen noch größeren Raum einnimmt. Nicht zuletzt wären Sie an Ihrem Arbeitsplatz wahrscheinlich unter Menschen, im besten Fall unter mitfühlenden Kollegen, die sich vielleicht ein wenig um Sie kümmern und Sie aufheitern.

Ein nervender Tinnitus mag Sie bei Ihrer Arbeit vielleicht eine Zeit lang etwas beeinträchtigen. Doch jedes kleine bisschen Aufmerksamkeit, dass Sie anderen Dingen als dem Ohrgeräusch widmen, ist ein kleiner Schritt in Richtung Genesung.

Denken Sie also besser zweimal nach. Am Ende kommt es natürlich auf Ihre ganz persönliche Situation an. Sollten Sie sich für eine Krankschreibung oder Auszeit entscheiden, tun Sie es auf die richtige Weise.

Ich wünsche Ihnen alles Gute!

 


Fotos: Title © Rawpixel. Others: © Stock-Asso, Izf, Rawpixel / Shutterstock.com

Diesen Beitrag teilen: