Tinnitus bei Kindern: Was Eltern unbedingt wissen (und tun) sollten

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Tinnitus be Kindern: Ursachen und Behandlung (Ratgeber für Eltern)

Noch immer glauben selbst viele Ärzte, dass Ohrgeräusche unter Kindern entweder gar nicht vorkommen oder äußerst selten sind. Tatsächlich hat aber jedes dritte Kind bereits einmal vorübergehend ein Pfeifen, Piepen, Brummen oder Rauschen im Ohr erlebt! Mindestens eines von 20 Kindern hat sogar einen lästigen, dauerhaften Tinnitus. Wie Eltern damit umgehen, ist enorm wichtig.

Viele Eltern ahnen gar nicht, dass ihr Kind Ohrgeräusche hat. Nicht zuletzt deshalb, weil gerade kleinere Kinder oft annehmen, es sei normal, solche Geräusche zu hören. In vielerlei Hinsicht beispielhaft ist dieser Bericht eines Mädchens namens Sophie in einem Internet-Forum:

„Ich bin 12 Jahre alt und habe erst vor 2 Monaten richtig realisiert dass ich Tinnitus habe. Früher dachte ich es wäre normal, ein ständiges Piepen auf dem Ohr zu haben. Mein Papa hat das auch und ihn stört es gewaltig. Mich stört es eigentlich nicht wirklich aber ich habs ja auch schon mega lange! Ich blende es eigentlich immer aus und denke nicht dran. Trotzdem würde ich natürlich gerne *nichts*hören, wenn es in meiner Außenwelt auch komplett ruhig ist…“

Wie Kinder unter Tinnitus leiden

Das ganze Ausmaß der Verbreitung von Tinnitus unter Kindern wurde erst deutlich, als Forscher in den 90er Jahren allmählich begannen, Jungen und Mädchen in großen Studien in kindgerechter Sprache und in angenehmer Umgebung zu befragen.

Das erstaunliche Ergebnis: Tinnitus kommt bei Kindern etwa ebenso häufig vor wie bei Erwachsenen! Einige internationale Studien haben sogar ein Ausmaß ergeben, das die eingangs genannten Werte noch deutlich übertrifft.)

Allerdings leiden Kinder zumeist deutlich weniger unter Ohrgeräuschen als Erwachsene. „Kinder sind besonders gut darin zu lernen, einen Tinnitus zu akzeptieren und zu ignorieren“, sagt der auf die Tinnitus-Behandlung spezialisierte Psychologe Dr. David Baguley vom Londoner Royal National Throat, Nose & Ear Hospital.

Zur Angstmacherei – das kann nicht oft genug betont werden – besteht ohnehin kein Anlass. Erstens verschwindet ein Tinnitus meist nach einigen Tagen oder Wochen wieder. Und wenn er bleibt, fühlt sich selbst die Mehrheit der erwachsenen Betroffenen dadurch nach einer Weile gar nicht oder nur sehr wenig beeinträchtigt.

Für manche Kinder kann ein Tinnitus sich aber zu einem ernsthaften Leiden entwickeln. Vor allem Schlaf- und Konzentrationsstörungen machen den Kleinen dann zu schaffen. Auch Kopfschmerzen oder Schwindel werden oft beklagt. Nicht selten erwachsen darauf auch Angststörungen und gar Depressionen.

Tinnitus-Ursachen bei Kindern

Bei Kindern entstehen Ohrgeräusche – wie bei Erwachsenen – vor allem aus diesen Gründen:

1. Stress

Probleme zuhause, Streit mit Freunden, Notendruck, Konflikte oder Mobbing an der Schule, verdammt viele Erwartungen, hysterisches Kinderfernsehen, atemlose Videospiele, Unausgeglichenheit, Überfordertsein: Die Kindheit ist keine Oase der Leichtigkeit, so wie es die meisten Erwachsenen in der Rückschau gern verklären.

Stress erhöht die Verstärkung und Empfindlichkeit in den Hörbahnen des Gehirns. Dadurch kann bereits die gewöhnliche spontane und kompensatorische – und erst recht eine irreguläre – Nervenaktivität in der Hörbahn als „Tinnitus“ wahrgenommen werden.

2. Lärm

Hohe Lautstärken (insb. durch laute Musik) stören oder beschädigen die empfindlichen Haarzellen in der Hörschnecke. Das bringt auch die Nervenzellen im Hörzentrum durcheinander, was als Tinnitus „gehört“ werden kann. (Unter den Kindern mit einem erheblichen Hörschaden oder gar Taubheit klagen Studien zufolge sogar 60 bis 90 Prozent über Ohrgeräusche.)

3. Jede andere Störung oder Schädigung im Innenohr

Den gleichen Effekt wie Lärm kann auch eine Ohrenentzündung oder ein Hörsturz haben. Auch Durchblutungsstörungen im Innenohr, z.B. durch eine Kieferfehlstellung, oder manche Medikamente, z.B. Antibiotika, können die Funktion der Hörschnecke beeinträchtigen und so einen Tinnitus auslösen.

4. Stille

In ganz stiller Umgebung erhöht das Gehirn automatisch die Verstärkung in den Hörbahnen. Es strengt sich quasi an, irgendetwas zu hören. Ähnlich wie Stress begünstigt auch dies die Wahrnehmung an sich gewöhnlicher Nervenaktivitäten als Tinnitus. Diese Gefahr ist besonders groß, wenn das Kind auch noch eine Geräuschüberempfindlichkeit (Hyperakusis) hat.

Wichtig: Kommen mehrere der beschriebenen Risikofaktoren zusammen, erhöht sich das Tinnitus-Risiko exponentiell! Daraus folgt z.B., dass bei einer Ohrenentzündung Lärm und Stress umso mehr vermieden werden sollten, absolute Stille aber ebenso.

Was Eltern tun sollten

Mit den hier beschriebenen einfachen Maßnahmen können Sie aktiv die Wahrscheinlichkeit enorm erhöhen, dass der Tinnitus Ihres Kindes entweder wieder ganz verschwindet oder zumindest nicht zu einem größeren Problem wird.

Unbedingt erforderlich ist natürlich eine umgehende, gründliche ärztliche Diagnose und gegebenenfalls Behandlung. Dabei sind etwaige  organische bzw. neurologische Ursachen abzuklären, insbesondere Erkrankungen des Ohres.

Wichtig: Die gängigen HNO-ärztlichen Akutmedikationen zielen praktisch ausschließlich auf eine Förderung der Durchblutung bzw. Nährstoffversorgung und damit eine „Reparatur“ vermeintlicher Schäden im Innenohr. Belassen Sie es auf keinen Fall dabei!

Ein Tinnitus entwickelt sehr, sehr schnell ein „Eigenleben“ und verstetigt sich, ganz unabhängig vom Fortbestehen vermeintlicher Auslöser oder Ursachen.

Enorm viel wichtiger als Gingko-Tabletten ist daher, das Kind vom ersten Tag an so weit wie möglich vom Tinnitus abzulenken, z.B. mit schönen, entspannenden Aktivitäten und viel Bewegung. Je weniger Aufmerksamkeit der Tinnitus bekommt,je weniger das Kind sich auf das Geräusch fixiert, desto besser.

Identifizieren Sie Faktoren für negativen Stress im Leben Ihres Kindes (Ängste, Sorgen, Belastungen, Überforderungen) und stellen Sie sie so weit wie möglich ab.

Vermitteln Sie dem Kind von Beginn an Zuversicht („Alles wird gut!“ / „Bald ist das Geräusch ganz sicher wieder weg!“). Wenn Sie in Besorgtheit, Angst und Alarmismus verfallen, wird sich das immer auf Ihr Kind übertragen, ganz egal was Sie Ihrem Kind vordergründig sagen. Dies ist dem Heilungsprozess sehr abträglich.

Interessanterweise geben Kinder von Eltern mit Tinnitus häufiger an, selbst unter Ohrgeräuschen zu leiden. Offensichtlich machen sich Kinder dabei die negative Reaktion der Eltern auf Ohrgeräusche zu eigen.

Vermeiden Sie unbedingt völlige Stille! Sorgen Sie dafür, dass Ihrem Kind möglichst durchgängig eine akustische Ablenkung zur Verfügung steht. Diese muss freilich stets angenehm sein und darf Ihr Kind nicht stressen. Besonders geeignet sind schöne Musik, Hörspiele und entspannende Naturgeräusche.

Die britische Zeitung Daily Mail berichtete im Jahr 2014 in einem rührenden Artikel über den elfjährigen Leo. Der Junge litt so sehr unter seinem Tinnitus, dass er kaum schlafen konnte. Hörspezialisten der örtlichen Klinik gaben ihm auf, Aufnahmen von Gartenvögeln zu hören, und bald ging es Leo wieder gut!

Auch eine gezielte Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) hat sich bei jungen Tinnitus-Leidenden als äußerst wirkungsvoll erwiesen: In einer Studie (Bartnik et. al., 2012) mit 143 Mädchen und Jungen erreichte die TRT schon nach sechs Monaten eine deutliche Besserung bei immerhin vier von fünf Kindern.

Sollte das Ohrgeräusch Ihr Kind über längere Zeit belasten, ziehen Sie einen Kinderpsychologen heran. Dieser könnte gegebenenfalls auch helfen, tiefere seelische Belastungen aufzulösen, die das Tinnitusleiden möglicherweise mit ausgelöst haben und jetzt verschlimmern.

Wenn sich Ihr Kind sich oft die Ohren zuhält und ungewöhnlich empfindlich auf Geräusche reagiert, ist das ein klares Anzeichen für eine Geräuschüberempfindlichkeit (Hyperakusis), die in jedem Fall behandelt werden muss. Hier gibt es erfolgreiche Methoden für eine Desensibilisierung.

Herzlichst,
Jan Staiger


QUELLEN:

Baguley, Dr. David/ Andersson, Dr. Gerhard/ McFerran, Dr. Don/ McKenna, Dr. Laurence: Tinnitus – A Multidisciplinary Approach. 2nd Edition. 2013, Oxford. S. 209-215

McKenna, Dr. Laurence/ Baguley, Dr. David /McFerran, Dr. Don: Living with Tinnitus and Hyperacusis. 2010, London. S. 22-23

Coelho, C.B./ Sanchez, T.G./ Tyler, R.S.: Tinnitus in children and associated risk factors. Progress in Brain Research, 166. S. 179-191

Bericht von „Sophie“: http://tinitusweg.bplaced.net/tinnitus-bei-kindern/

Gabriels, P: Children with Tinnitus. In: Proceedings of the fifth international Tinnitus Seminar. 1995, Portland. The American Tinnitus Association.

Holgers, K.M./ Juul, J.: The suffering of tinnitus in childhood and adolescence. In: International Journal of Audiology, 45. S. 267-272

Bartnik et. al.: Troublesome tinnitus in children. Epidemiology, audiological profile and preliminary results of treatment. In: International Journal of Paediatric Otorhinolaryngology. 2012

www.tinnitus-mag.de 

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