Tinnitus-App „Tinnitracks“: Schwere Vorwürfe von Ärzten gegen die Techniker Krankenkasse (TK)

Ein Start-up-Unternehmen vertreibt mit einem cleveren Geschäftsmodell die App „Tinnitracks“, die angeblich Ohrgeräusche lindern soll. Der Chefarzt einer Tinnitus-Klinik erhebt jetzt schwere Vorwürfe gegen die Techniker Krankenkasse, welche die App unterstützt. Die TK dränge ihre Versicherten aggressiv zur Nutzung der völlig sinnlosen App, um Kosten für wirklich hilfreiche Behandlungen zu sparen.

Die Smartphone-App „Tinnitracks“ des Hamburger Start-ups Sonormed filtert Musik, die man sich selbst aussucht. Dabei wird ein Frequenzband herausgefiltert, das um die Tonhöhe des eigenen Ohrgeräuschs rangiert. Dadurch soll sich die Aktivität der für den Tinnitus verantwortlichen Nervenzellen im Gehirn reduzieren, sodass das Geräusch leiser wird.

„Doch es klingt grauenhaft“, konstatiert ein Chefarzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde aus Hessen im Gesundheitsmagazin der Wochenzeitung „Die Zeit„, Zeit Doctor (1/2017). „Und die Studienlage zeigt eindeutig, dass es nicht mehr bringt als das Hören normaler Musik.“

„Ein Skandal, dass eine Krankenkasse das bezahlt“

„Dieses Rausfiltern funktioniert nicht besser als ein Placebo. Über 20 Prozent der Benutzer hören einer Studie zufolge sogar ein lauteres, ein deutlicheres oder gar ein neues Ohrgeräusch. Ein Skandal, das eine Kasse das bezahlt“, kritisiert der Chefarzt in dem Interviewgespräch, an dem auch ein Arzt für Psychosomatik und eine Musiktherapeutin aus Bayern teilnahmen.

Damit die drei ausgewiesenen Experten offen sprechen konnten, wurden ihre Namen im Magazin Zeit Doctor nicht genannt. Mit persönlich sind die Identitäten der drei Mediziner aber bekannt.

Warum allerdings sollte eine Krankenkasse eine wirkungslose App gegen Tinnitus fördern?

„Es ist einfacher und billiger“, sagt der HNO-Chefarzt. „Und da ist auch ein Markt. Der Patient will schnell etwas haben und denkt: Wunderbar, da hör ich mal nebenher Musik, dann wird das schon wieder.“

„Und das Geschäftsmodell ist absolut genial, die binden die HNO-Ärzte ein. Der Arzt bestimmt die Tinnitus-Frequenz, gibt dem Patienten die App und kriegt Extra-Geld. Deswegen machen es auch so viele.“

Will die TK mit „Tinnitracks“ nur Geld sparen?

Einen besonders schwerwiegenden Vorwurf erhebt der Arzt für Psychosomatik, ebenfalls ein renommierter Experte in der Therapie von Ohrgeräuschen: Die Techniker Krankenkasse kündige systematisch Verträge mit namhaften Tinnitus-Kliniken, die Betroffenen wirklich helfen.

Allein um Kosten zu sparen, dränge die Kasse ihre Versicherten stattdessen nun zur Nutzung der nutzlosen App.

Als Beispiel nennt der Arzt zwei Einrichtungen, die die nach heutigem Stand heilsamste aller Tinnitus-Therapien anbieten, die Tinnitus-Retraining-Therapie: „Ich kenne ein Institut in Düsseldorf, das interdisziplinäre Tinnitus-Therapie macht, das beste Konzept zur Tinnitus-Behandlung nach den Leitlinien. Diesem Institut hat die Techniker Krankenkasse den Vertrag gekündigt – mit dem Hinweis, es gebe ja Tinnitracks. Und ähnlich ist das am Tinnitus-Zentrum an der [Berliner] Charité passiert.“

Nach der Erfahrung des Arztes scheut die TK auch nicht davor zurück, sich bei psychisch stark angeschlagenen Versicherten um echte Hilfe drücken zu wollen: „Einer Patientin von mir mit Burn-out und Tinnitus hat der Sachbearbeiter der Krankenkasse gesagt: Bevor du in die psychosomatische Klinik gehst, probier es doch mal mit Tinnitracks, vielleicht reicht das.“ Als die Frau dies abgelehnte, habe die Kasse versucht, sie zu überreden. (Immerhin: Letztlich habe die Kasse die Kostenübernahme für die Klinik aber gewährt.)

Nach Darstellung des Psychosomatikers hat diese Masche bei Tinnitus-Patienten System:

„Die Krankenkassen lenken Patienten auch in billigere Kliniken, die Infusionsbehandlungen machen, und das hilft den Leuten gar nicht.“ Der HNO-Chefarzt pflichtet bei: „Das ist bei Tinnitus völlig blödsinnig. Da hilft kein einziges Medikament.“

Weitere Anbieter springen auf den Zug auf

Der Arzt für Psychosomatik wirft der Techniker Krankenkasse außerdem vor, „Tinnitracks“ lediglich zum Schein unter dem Deckmantel der Forschung zu unterstützen:

„Die Kasse sagt, sie forsche selber, aber sie führt da bloß eine plumpe Anwendungsbeobachtung durch. Wenn die Pharmaindustrie mit solchen Daten ankäme, würde die Kasse lachen und die Kosten nicht übernehmen.“

Damit nicht genug: Inspiriert vom wirtschaftlichen Erfolg der „Tinnitracks“-App versuchen derzeit weitere Anbieter, auf den Zug aufzuspringen:

„Es gibt ja auch noch die App TinniEase, die ist ähnlich“, beklagt der HNO-Chefarzt. „Und neueredings dieses MyNoise. Dahinter steht ein HNO-Arzt aus dem Ruhrgebiet. Der mischt gefilterte Musik mit Neurostimulation, die auch nicht wirkt. Völlig abstrus. Der versucht jetzt gerade, Verträge mit den Kassen zu kriegen.“

Die Münchner Ärztin für Musiktherapie bezweifelt in dem Interview sogar, dass „Tinnitracks“ überhaupt so viel bringe wie das bloße Hören normaler Musik. Denn die von der App gefilterte Musik klinge „so was von schlimm“.

Marketing-Gag zu Lasten der Betroffenen?

Neben der TK erstatten mittlerweile noch eine Reihe weiterer gesetzlicher und privater Krankenkassen die Kosten für die einjährige „Behandlung“ mit Tinnitracks, darunter die hkk, BKK Wirtschaft & Finanzen, mhplus, BKK VBU, Axa, Allianz, Gothaer, HanseMerkur und LVM.

Es ist leider zu befürchten, dass auch die übrigen Krankenversicherer dabei nicht das Wohl ihrer Versicherten, sondern in erster Linie ihre Bilanzen im Blick haben.

Daneben ergibt sich vermutlich auch ein positiver Marketing-Effekt. Denn die Berichterstattung darüber, dass die Kassen die vermeintlich innovative App anbieten, mag so manchen unbedarften Betroffenen an die Kasse binden oder zum Wechsel von einer anderen Kassen ermuntern.

Wie der HNO-Chefarzt im Interview treffend analysiert, gibt es für das Behandlungsmodell der App auf jeden Fall eine große Nachfrage. Denn wenn es schon keinerlei wirksame Medikamente gibt, wünschen sich die meisten Tinnitus-Betroffenen verständlicherweise zumindest irgendeine andere schnelle, vermeintlich medizinische Maßnahme.

Früher Infusionen, heute „Tinnitracks“?

In der Praxis führt das nun zu einer wirklich bedauernswerten Absurdität:

Die gleichen niedergelassenen HNO-Ärzte, die ihren Tinnitus-Patienten  jahrzehntelang die erwiesenermaßen vollkommen wirkungslosen „Akut-Behandlungen“ mit durchblutungsfördernden Infusionen und Tabletten angedreht haben, verdienen nunmehr an der Vermittlung einer ebenso sinnlosen Smartphone-App.

Aus Sicht der Betroffenen greift dabei ein Phänomen, das die meisten Therapie-Anbieter gern verschweigen: Zumindest die persönliche Beeinträchtigung durch einen Tinnitus lässt im Lauf der Zeit in den allermeisten Fällen nach. Und zwar von ganz allein, auch ohne jede Behandlung.

Zumindest ein Teil der Betroffenen, die ihre Ohren ein Jahr lang mit frequenzgefilterter Musik quälen, mag dann eine Besserung auf die App zurückführen.

So könnten sich nicht wenige Betroffene von ihrer Krankenkasse sogar gut versorgt fühlen, nicht wissend, dass sie mit anderen Ansätzen wie dem Tinnitus-Retraining (das Ihre Kasse leider nicht bezahlt) höchstwahrscheinlich einen echten und weitaus größeren Heilungserfolg erzielt hätten.

Einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Ansätze einer Musiktherapie bei Tinnitus gibt Ihnen dieser Artikel.

Jenseits der wenig aussichtsreichen Behandlung mit frequenzgefilterter Musik (à la Tinnitracks) geht es dabei auch um zwei sinnvolle Ansätze: die sogenannte Neuro-Musiktherapie („Heidelberger Modell“) und die Tinnitus-zentrierte Musiktherapie nach Annette Cramer.

Falls Sie Ihre Tinnitus-Heilung ganz systematisch angehen wollen, sei Ihnen Das Große Tinnitus-Heilbuch ans Herz gelegt. Es bündelt die erwiesenermaßen wirksamsten Heilungsstrategien zu einem optimalen Selbsthilfe-Programm.

Ich wünsche Ihnen jetzt schon eine baldige Genesung.

JS

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ÜBER DEN AUTOR

Jan Staiger

Der Berliner Gesundheitsexperte wurde vom Tinnitus-Betroffenen zum erfolgreichen Selbsthilfe-Coach. Sein hochwirksamer integraler Behandlungsansatz basiert auf dem neuesten Stand von Forschung und Therapie. [mehr...]

Der Artikel auf dieser Seite wurde zuerst veröffentlicht im April 2017 und leicht überarbeitet im Mai 2018. Es gelten die Urheberrechtshinweise in den AGB. 

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